Übergangsquoten in die verschiedenen Bildungswege der Sekundarstufe II und Übertrittsquoten in die Berufsmaturität: Entwicklung, Modellierung und Hypothesen
Stand: Juni 2011

Die Szenarien für das Bildungssystem verlängern die Zeitreihen der jährlich vom BFS publizierten Bildungsstatistiken. Die Berechnung der Prognosen stützt sich hauptsächlich auf die Modellierung der Lernendenströme im System. Um von jährlichen Erhebungen zu einer Längsschnittoptik zu gelangen, werden die aufeinander folgenden Bestände über eine Reihe von Quoten verknüpft: Übergangsquoten für den Eintritt in einen Bildungsweg, Interklassenquoten für die nächst höheren Bildungsjahre und Erfolgsquoten für die Abschlüsse. Mit diesem Vorgehen wird der überwiegende Einfluss der demografischen Dynamik auf die Zahl der Lernenden und der Abschlüsse automatisch einbezogen.
Für die Sekundarstufe II ist der Übergang von der obligatorischen Schule ausschlaggebend, weil er eine komplexe Nahtstelle ist, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen. Die Hauptrolle kommt dabei der schuldemografischen Dynamik zu (Anzahl Schulabgänger/innen der 9. Klasse der Sekundarstufe I). Je nach betrachtetem Bildungsweg der Sekundarstufe II können mittel- oder langfristige Tendenzen hinzukommen – ausschlaggebend können dabei beispielsweise allmähliche Verhaltensänderungen der involvierten Akteure in einem sich ständig wandelnden strukturellen Umfeld sein – oder konjunkturelle Auswirkungen im Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftslage und der Arbeitsmarktsituation. Die auf verschiedenen Ebenen wiederholt durchgeführten Reformen, die gezielten Eingriffe der Akteure des Bildungssystems, die Qualität der Erhebungen und statistische Klassifizierungswechsel haben ebenfalls einen Einfluss auf die Zahl der Eintritte auf Sekundarstufe II.
Um die Bestände des 1. Jahres der einzelnen Bildungswege zu prognostizieren, werden zuerst die Quoten der sofortigen Übergänge und der aufgeschobenen Übergänge berechnet, das heisst der Anteil der Direktübertritte von der 9. Klasse der Sekundarstufe I und derjenige der indirekten Eintritte, die nach "Umwegen", Umorientierungen, Wiederholungen und Unterbrüchen stattfinden. Diese Quoten werden anhand der "vorjährigen Ausbildung" (eine Variabel der Schulstatistik) und des Alters der Lernenden geschätzt. Darauf wird die Entwicklung dieser Quoten in Bezug auf die Zeit, die Arbeitslosenquote und die Anzahl Abgängerinnen und Abgänger der obligatorischen Schule modelliert. Auf diese Weise werden der Einfluss gewisser Trendfaktoren, derjenige der wirtschaftlichen Lage und die sekundären Effekte der Bevölkerungsdynamik bestimmt. Gestützt auf vorgegebene demografische und konjunkturelle Szenarien (Prognosen für die obligatorische Schule bzw. Prognosen der Expertengruppe des Bundes) werden dann Hypothesen zur künftigen Entwicklung der Übergangsquoten formuliert. Die erwarteten Bestände ergeben sich durch die Multiplikation der Vorläuferbestände mit den projizierten Quoten.
Für jeden Bildungsweg werden alle Quoten auf einer hohen Detaillierungsstufe berechnet und projiziert, das heisst gegliedert nach Übergangsfrist oder Bildungsjahr, Geschlecht oder Staatsangehörigkeit, Kanton oder Grossregion, Ausbildungsform oder Typ, Bildungsdauer, Bildungsfeld oder Richtung je nach Fall. Diese Gliederungstiefe ermöglicht eine präzise Darstellung der komplexen Verhältnisse im System, um seine Entwicklung besser vorauszusehen.
Mit der Analyse der Zeitreihen aus den Schulstatistiken können die bisherigen Mechanismen beim Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II eruiert und die beobachteten Bewegungen bei den Eintritten für jeden Bildungsweg modelliert werden. Angesichts der Komplexität des Systems bestehen aber gewisse Unsicherheiten bei der Zuschreibung genauer Gründe für diese Bewegungen und bei der Quantifizierung der verschiedenen beobachteten Auswirkungen. Das BFS präsentiert daher zwei Szenarien zur künftigen Entwicklung der Bestände der Sekundarstufe II.
Das Szenario «neutral» geht davon aus, dass alle Quoten in Zukunft konstant sind. In dieser Optik werden die jetzigen Lernendenströme im System unverändert fortgeführt; demnach widerspiegeln die zukünftigen Bestände im Wesentlichen die erwarteten demografischen Entwicklungen. Da die historischen Quoten statistischen Schwankungen unterliegen, werden im Allgemeinen für die zukünftigen Quoten die letzten Werte verwendet, die durch exponentielle Glättung erster Ordnung der Zeitreihen erhalten werden.
Das Szenario «Tendenz» setzt ausserdem eine allmählich abgefederte Fortsetzung der berechneten tendenziellen und konjunkturellen Effekte voraus. Es geht also davon aus, dass die Quoten weiterhin im Zusammenhang mit den analysierten Faktoren – Zeit, wirtschaftliche Lage und Bevölkerungsdynamik (sekundäre Effekte) – sich entwickeln werden, bevor sie sich nach und nach stabilisieren. Es fügt also die erwarteten Auswirkungen dieser Faktoren den demografischen Bewegungen hinzu, die auf der gleichen Art wie im Szenario «neutral» berücksichtigt werden.
Die verlängerten tendenziellen und konjunkturellen Effekte betreffen hauptsächlich die Übergangsquoten von der 9. Klasse der obligatorischen Schule in die verschiedenen Bildungswege der Sekundarstufe II so wie die Übertrittsquoten in die Berufsmaturitäten, während die Interklassenquoten und die Erfolgsquoten im Allgemeinen stabil sind.
In den vergangenen dreissig Jahren folgten die Übergangsquoten in die berufliche Grundbildung insgesamt einem Abwärtstrend, zudem korrelierten sie negativ mit der Arbeitslosenquote, während in den übrigen Bildungswegen meistens eine umgekehrte Entwicklung festzustellen war. Gestützt auf Modellen, die über die ganze verfügbare Periode (also seit 1983) für die Schweiz insgesamt geschätzt werden und in denen der Heterogenitätseffekt, der durch die verschiedenen kantonalen Bevölkerungsdynamiken entsteht, korrigiert wird, werden die erwarteten Entwicklungen der Quoten für das kommende Jahrzehnt prognostiziert. Die erhaltenen Bewegungen werden in allmählich abgefederter Form auf die kantonale Ebene übertragen, wo sie mit den Tendenzen der letzten zehn Jahre der kantonalen Quoten so kombiniert werden, dass die lokalen Dynamiken gegen das nationale Muster konvergieren*.
Um die Eigenschaften der verschiedenen Komponenten des Systems am besten zu berücksichtigen, werden diese Modelle ausserdem für die berufliche Grundbildung nach Ausbildungsform (Vollzeitschulen / dual EFZ / dual EBA und ALA / Teilzeit / einjährig) und Gruppe von Bildungsfeldern (gesundheitlich-sozial, IKT, übrige) und für die übrigen Bildungswege nach Geschlecht bestimmt.
Für die Übertrittsquoten in die Berufsmaturität, die meist noch am Steigen sind, werden die Tendenzen der letzten acht Jahre über fünf weitere Jahre verlängert und allmählich abgefedert. Die Parameter werden für die Abschlüsse während und nach der beruflichen Grundbildung, sowie nach Richtung und nach Geschlecht getrennt bestimmt.
* Für die gymnasialen Maturitätsschulen werden nur die Tendenzen der letzten 10 Jahre (mit den Unterrichtsberufen) berücksichtigt.
Übergangsquoten in die verschiedenen Bildungswege der Sekundarstufe II und Übertrittsquoten in die Berufsmaturität: Entwicklung, Modellierung und Hypothesen
Stand: Juni 2011
| Dokument / Objekt | Titel | Periode | |
|---|---|---|---|
| 595 KB |
Szenarien für die Sekundarstufe II: Modellierung und Hypothesen (su-b-15.01.03-sec2_modele) Bundesamt für Statistik BFS |
1983-2020 | |
Seit 2004 erarbeitet das BFS Szenarien für die Lernenden und Abschlüsse der Sekundarstufe II. Die Version 2011-2020 ist die achte der Reihe. Die regelmässige Aktualisierung der Ergebnisse ermöglicht die systematische Überwachung der Abweichungen zwischen Beobachtungen und Prognosen, so wie in den zwei nachstehenden Tabellen präsentiert.
Die erste Tabelle zeigt die vom letzten Szenario «Tendenz» prognostizierten Entwicklungen nach 1 Jahr, die letzten beobachteten Entwicklungen nach 1 Jahr, die gemessenen prozentualen Abweichungen nach 1 Jahr (PE = prozentuale Fehler), die Theil-Koeffizienten U2 nach 1 Jahr, die auf Grund aller früheren Prognosen berechnet wurden, und den durchschnittlichen Umfang der Anpassungen, die vom letzten Szenario «Tendenz» im Vergleich mit seinem Vorgänger bewirkt werden.
Die zweite Tabelle zeigt die mittleren Abweichungen nach 1, 2, 3 und 4 Jahren, die sich aus allen bisherigen Szenarien «neutral» und «Tendenz» ergeben (MAPE = mittlere prozentuale absolute Fehler und MPE = mittlere prozentuale Fehler).
| Szenarien «Tendenz» | Prognostizierte | Beobachtete | Prozentuale | Theil- | Mittlere |
|---|---|---|---|---|---|
| Entwicklung | Entwicklung | Abweichung | Koeffizient | Anpassung | |
| nach 1 Jahr1 | nach 1 Jahr2 | nach 1 Jahr3 | U2 nach1 Jahr4 | über 10 Jahre5 | |
| Lernende des 1. Jahres | |||||
| Berufliche Grundbildung | -2.9% | -1.1% | -1.8% | 0.90 | +2.2% |
| Gymnasiale Maturitätsschulen | -1.3% | -1.1% | -0.2% | 0.46 | +1.1% |
| Fachmittelschulen | +2.2% | +2.5% | -0.3% | 0.41 | -0.3% |
| Gesamtzahl der Lernenden | |||||
| Berufliche Grundbildung | +1.0% | +1.8% | -0.8% | 0.81 | +2.2% |
| Gymnasiale Maturitätsschulen | +0.5% | +1.1% | -0.7% | 0.35 | +1.7% |
| Fachmittelschulen | +8.5% | +3.9% | 4.5% | 0.55 | -5.1% |
| Übergangsausbildungen | -0.8% | -1.7% | 0.9% | 0.56 | -0.2% |
| Abschlüsse | |||||
| Eidgenössische Fähigkeitszeugnisse | +1.8% | +4.5% | -2.5% | 0.77 | +4.0% |
| Berufsmaturitäten | +7.2% | +6.7% | -0.1% | 0.75 | +5.4% |
| Gymnasiale Maturitäten | +3.1% | +3.4% | -0.3% | 0.18 | +1.2% |
| Fachmittelschulabschlüsse | -3.5% | -2.5% | -1.1% | 0.26 | +2.4% |
| Anzahl Jahre | Szenarien «neutral»1 | Szenarien «Tendenz»1,2 | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| über die letzte Beobachtung hinaus | 1 | 2 | 3 | 4 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| MAPE (mean absolute percent error) | ||||||||
| Berufliche Grundbildung | ||||||||
| Lernende des 1. Jahres | 1.3% | 1.7% | 3.4% | 4.4% | 1.3% | 2.5% | 2.5% | 3.6% |
| Gesamtzahl der Lernenden | 0.8% | 1.3% | 1.4% | 1.8% | 0.8% | 1.9% | 0.7% | 1.9% |
| Eidgenössische Fähigkeitszeugnisse | 1.5% | 1.9% | 2.4% | 2.2% | 1.5% | 1.9% | 1.9% | 1.3% |
| Gymnasiale Maturitätsschulen | ||||||||
| Lernende des 1. Jahres | 1.2% | 1.8% | 2.8% | 3.0% | 1.1% | 1.7% | 3.2% | 3.0% |
| Gesamtzahl der Lernenden | 0.9% | 1.5% | 2.3% | 2.9% | 0.9% | 1.4% | 2.4% | 2.9% |
| Gymnasiale Maturitäten | 1.2% | 0.4% | 1.5% | 1.9% | 1.2% | 0.4% | 1.7% | 2.3% |
| MPE (mean percent error) | ||||||||
| Berufliche Grundbildung | ||||||||
| Lernende des 1. Jahres | -0.1% | -0.4% | 0.2% | 1.2% | -0.6% | -2.1% | -2.4% | -2.7% |
| Gesamtzahl der Lernenden | 0.4% | 0.6% | 1.0% | 1.5% | 0.2% | -0.1% | -0.3% | -1.2% |
| Eidgenössische Fähigkeitszeugnisse | -0.2% | 1.5% | 1.0% | 1.1% | -0.3% | 1.4% | 0.7% | -0.2% |
| Gymnasiale Maturitätsschulen | ||||||||
| Lernende des 1. Jahres | -0.2% | -0.5% | -1.5% | -2.4% | 0.1% | 0.1% | -0.4% | -0.8% |
| Gesamtzahl der Lernenden | -0.3% | -0.2% | -0.6% | -1.5% | -0.3% | 0.1% | 0.0% | -0.5% |
| Gymnasiale Maturitäten | -0.4% | 0.2% | 0.3% | -0.4% | -0.4% | 0.2% | 0.5% | -0.1% |
Die 2009 (Lernende) und 2010 (Abschlüsse) beobachteten Bestände haben sich in der erwarteten Richtung entwickelt. Die grössten Unterschiede (in absoluten Zahlen) ergeben sich dort, wo die Vollständigkeit der Erhebungen verbessert wurde.
Die Tatsache, dass alle Theil-Koeffizienten U2 einen Wert unter 1 aufweisen, zeigt, dass die bisher publizierten Prognosen bei allen untersuchten Zeitreihen zuverlässiger sind als die Hypothese «Nullwachstum».
Insgesamt wurden die Prognosen für die Lernenden um etwas mehr als 1% und für die Abschlüsse um etwas mehr als 3% nach oben revidiert.
Für die Lernenden und die Abschlüsse der beruflichen Grundbildung und der gymnasialen Maturitätsschulen liegen die mittleren prozentualen absoluten Fehler (MAPE) nach einem Jahr zwischen 1% und 1,5% und nach vier Jahren zwischen 2% und 4%. Durch die Klassifizierungswechsel einiger Schulen sind die Prognosen für die Fachmittelschulen und die Übergangsausbildungen insgesamt weniger genau (siehe Publikation für weitere Details, Link unten auf dieser Seite).
Aufgrund der positiven und negativen mittleren prozentualen Fehler (MPE) ist ersichtlich, dass generell keine systematischen Abweichungen der Prognosen bestehen.
Auskunft:
Laurent Gaillard, Sektion Bildungssystem, Tel: +41 32 71 36635