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Statistik Schweiz

Szenarien für das Bildungssystem – AnalysenSzenarien 2011-2020 für die Sekundarstufe II - Lernende und Abschlüsse: Wichtigste Ergebnisse

Sekundarstufe II: Nach zehn Jahren mit sinkenden Beständen folgt gegen 2020 eine Stabilisierung

Die neuen Szenarien des BFS für das Bildungssystem bestätigen, dass im laufenden Jahrzehnt mit einem Rückgang der Gesamtzahl der Lernenden auf der Sekundarstufe II um 5% bis 6% zu rechnen ist, hauptsächlich aufgrund der Bevölkerungsentwicklung. Dieser Abwärtstrend dürfte sich gegen 2020 verlangsamen, anschliessend werden sich die Bestände voraussichtlich stabilisieren und später wieder steigen. Je nach betrachtetem Bildungsweg dürfte die Zahl der Eintritte ab 2019 oder 2020 wieder ansteigen.

Für das 1. Jahr der Sekundarstufe II werden 2011 ähnliche Bestände erwartet wie 2010, und dies in allen Bildungswegen: in der beruflichen Grundbildung (-0,7% bis +0,1%), den gymnasialen Maturitätsschulen (-0,4% bis +0,3%), den Fachmittelschulen (-0,6% bis -1,9%) und den Übergangsausbildungen (-0,5% bis -0,6%).

Zwischen 2010 und 2020 wird ein Rückgang der Eintritte um rund 6% in der beruflichen Grundbildung, um 0% bis 3% in den allgemeinbildenden Schulen und um 2% bis 4% bei den Übergangsausbildungen erwartet.

Die Zahl der Berufsmaturitäten wird vermutlich noch bis 2014 wachsen (+7% bis +16% gegenüber 2010) und dann bis 2020 um 4% abnehmen. Die Zahl der gymnasialen Maturitäten dürfte zwischen 2010 und 2020 insgesamt um 3% bis 7% zurückgehen, zuerst aber noch während einiger Jahre stagnieren.

Aktualisierung: 15.06.2011

 

Übergang in die Sekundarstufe II: Eine komplexe Nahtstelle

Der Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II ist eine komplexe Nahtstelle. Je nach Bildungsweg haben vielfältige Faktoren einen mehr oder weniger grossen Einfluss auf die Zahl der Eintritte in die nachobligatorischen Ausbildungen. Eine zentrale Rolle spielt im Allgemeinen die Schuldemografie (Zahl der Schulabgängerinnen und -abgänger der 9. Klasse der Sekundarstufe I). In einem durch zahlreiche strukturelle Reformen geprägten Umfeld können auch mittel- oder langfristige Trends hinzukommen, die sich beispielsweise aus Verhaltensänderungen von Personen ergeben, die am Anfang einer Ausbildung stehen, sowie konjunkturelle Effekte, die im Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftslage und der Entwicklung des Arbeitsmarktes stehen. Auch gezielte Interventionen von institutionellen Akteuren können die Bestände verändern. Schliesslich haben die Erhebungsqualität und die Einteilung der Bildungsgänge ebenfalls einen Einfluss auf die bearbeiteten Daten.

 

Zwei Szenarien für die Modellierung der Zukunft

Mit der Analyse der Zeitreihen aus den Schulstatistiken können die bisherigen Mechanismen beim Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II eruiert und die beobachteten Bewegungen bei den Eintritten für jeden Bildungsweg modelliert werden. So folgte in den vergangenen dreissig Jahren die Quote der Übergänge in die berufliche Grundbildung insgesamt einem Abwärtstrend, zudem korrelierte sie negativ mit der Arbeitslosenquote, während in den übrigen Bildungswegen meistens eine umgekehrte Entwicklung festzustellen war. Angesichts der Komplexität des Systems und der Merkmale der verfügbaren Daten bestehen jedoch gewisse Unsicherheiten bei der Zuschreibung genauer Gründe für diese Bewegungen und bei der Quantifizierung der beobachteten Auswirkungen.

Das BFS präsentiert daher zwei Szenarien zur künftigen Entwicklung der Bestände und der Abschlüsse der Sekundarstufe II. Beide basieren auf einer Detailanalyse der Ströme im Bildungssystem und schliessen die erwarteten demografischen Auswirkungen vollständig mit ein. Während jedoch das Szenario «neutral» davon ausgeht, dass sich die in der Vergangenheit festgestellten tendenziellen und konjunkturellen Effekte nicht fortsetzen, werden sie beim Szenario «Tendenz» für das kommende Jahrzehnt in zunehmend abgeschwächter Form fortgeschrieben.

 

2011-2020: Auf einen zehnjährigen Rückgang folgt ein Wiederanstieg

Die neuen Szenarien des BFS bestätigen die wichtigsten Ergebnisse der vorangehenden Szenarien. Bis 2020 ist auf der Sekundarstufe II mit einer in erster Linie demografisch bedingten Abnahme der Gesamtzahl der Lernenden um 5% bis 6% zu rechnen. Dieser Rückgang dürfte 2011 einsetzen und 2016 an Intensität gewinnen. Ab 2020 folgen jedoch voraussichtlich eine Verlangsamung, dann eine Stabilisierung und schliesslich ein Wiederanstieg. Die Entwicklung der Geburtenziffer und die Prognosen für die obligatorische Schule (siehe hier) lassen darauf schliessen, dass die Bestände ab 2020 wieder wachsen werden. Bei den Eintritten dürfte diese neue Wachstumsphase je nach Bildungsweg ab 2019 oder 2020 beginnen.

 

Berufliche Grundbildung: Zahl der Eintritte sinkt zwischen 2009 und 2019

Nach einer Zunahme um 4,2% im Jahr 2008 (83’300) ging die Zahl der Lernenden im 1. Jahr der beruflichen Grundbildung 2009 um 1,1% zurück (82'400). Diese Abnahme dürfte bis 2019 anhalten, 2020 werden sich die Bestände dann voraussichtlich bei rund 77'000 Lernenden stabilisieren (-6% innert 10 Jahren).

2011 wird mit einer ähnlichen Zahl von Eintritten gerechnet wie 2010: Die prognostizierte Veränderung liegt zwischen +0,1% und -0,7%, je nachdem, ob die geschätzte Auswirkung der für 2011 erwarteten niedrigeren Arbeitslosenquote berücksichtigt wird oder nicht*. Von 2012 bis 2015 wird ein moderater Rückgang erwartet (rund -0,6% pro Jahr), 2016 und 2017 eine Intensivierung (-1,3% pro Jahr), 2018 und 2019 eine Verlangsamung (-0,6% pro Jahr) und 2020 schliesslich eine Trendwende (+0,1%).

Die Differenz zwischen dem Szenario «neutral», das nur die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt, und dem Szenario «Tendenz», das auch die Dynamik der Übergangsquoten der vergangenen drei Jahrzehnte einbezieht, ist gering, da sich Abwärtstrends (insbesondere bei den EFZ-Ausbildungen, ausser in den Bildungsfeldern Gesundheit, Sozialwesen und Informatik) und Aufwärtstrends (insbesondere in den erwähnten Bildungsfeldern und den EBA-Ausbildungen) zum grossen Teil gegenseitig ausgleichen.

* Bei der kurzfristig erwarteten Entwicklung bestehen leichte Unterschiede zwischen den beiden präsentierten Szenarien, da das Szenario «Tendenz» im Gegensatz zum Szenario «neutral» eine konjunkturelle Komponente enthält. Der Einfluss dieses Faktors ist jedoch begrenzt, weil die erwartete Konjunkturveränderung gering ist. Im Einklang mit den Prognosen vom März 2011 der Expertengruppe des Bundes für Konjunkturfragen gehen die Szenarien 2011-2020 von einem Rückgang der Arbeitslosenquote um 0,65 Prozentpunkte im Jahr 2011 aus, gefolgt von Zunahmen um 0,1 Prozentpunkte in den Jahren 2012 und 2013.

 

Lernende des 1. Jahres der beruflichen Grundbildung

Gymnasiale Maturitätsschulen, Fachmittelschulen und Übergangsausbildungen: weniger Eintritte vor allem zwischen 2015 und 2018

Die insgesamt gegenüber 2008 um 1,0% kleineren Bestände des 1. Jahres an den gymnasialen Maturitätsschulen (23'100 im Jahr 2009), den Fachmittelschulen (4800) und in den Übergangsausbildungen (18’800) dürften sich bis 2015 nur wenig verändern (je nach Szenario zwischen -1,6% und +0,6% innert 5 Jahren). Markanter ist die erwartete Abnahme hingegen zwischen 2015 und 2018 (-3,2% bis -3,8% innert 3 Jahren), ab 2019 folgt voraussichtlich ein Wiederanstieg auf 22’100-23'100 Lernende an den gymnasialen Maturitätsschulen bzw. auf 4600-4700 an den Fachmittelschulen (-0% bis -3% innert 10 Jahren) und auf 17’900-18'300 in den Übergangsausbildungen (-2% bis -4% innert 10 Jahren) im Jahr 2020.

 

Lernende des 1. Jahres der übrigen Bildungswege der Sekundarstufe II

Weitere Zunahme der Anzahl Abschlüsse bis 2012

Die Gesamtzahl der Abschlüsse auf der Sekundarstufe II wird voraussichtlich 2012 einen Höhepunkt erreichen (+2% bis +3% gegenüber 2010) und anschliessend ebenfalls zurückgehen (-4% bis -5% von 2012 bis 2020). Dieses Muster ist insbesondere bei den Abschlüssen der beruflichen Grundbildung zu erkennen (eidgenössische Fähigkeitszeugnisse EFZ und eidgenössische Berufsatteste EBA oder Anlehrausweise ALA).

Angesichts des Trends, dass immer mehr Jugendliche eine Berufsmaturität erwerben, könnte deren Zahl noch bis 2014 deutlich wachsen (+7% bis +16% gegenüber 2010), anschliessend wird eine Abnahme um 4% bis 2020 erwartet. 2020 dürften 3% bis 7% weniger gymnasiale Maturitäten erworben werden als 2010. Bis 2018 könnte die Abnahme allerdings lediglich rund 0,5% betragen, erst danach verläuft die Kurve steiler nach unten.

 

Gymnasiale Maturitäten und Berufsmaturitäten

Ausgeprägte kantonale Unterschiede

Bei allen Bildungswegen und Szenarien ist mit kantonal unterschiedlichen Entwicklungen zu rechnen, die hauptsächlich mit den jeweiligen demografischen Dynamiken am Ende der 9. Klasse der Sekundarstufe I zusammenhängen (siehe die 4. Karte hier). So dürften die Bestände des 1. Jahres der beruflichen Grundbildung zwischen 2010 und 2020 in vier Kantonen wachsen (VD, GE, ZH und TI), in allen anderen Kantonen hingegen zurückgehen und in neun Kantonen der Ost- und Zentralschweiz sogar um über 15% sinken. Analog werden gewisse Kantone 2020 voraussichtlich mehr Eintritte in die gymnasialen Maturitätsschulen verzeichnen als 2010, andere hingegen um über 15% kleinere Bestände.

Diese Ergebnisse werden hier als Karten, Tabellen und Datenwürfel veranschaulicht.

 

Auch kontrollierte Unsicherheiten regelmässig überprüfen

Die Prognosen unterliegen vielfältigen Unsicherheiten. Die wichtigste Determinante ist die demografische Entwicklung der Bestände der Lernenden, die am Ende der 9. Klasse der Sekundarstufe I stehen. Diese kann mit grosser Zuverlässigkeit antizipiert werden (siehe hier) und liefert daher ein gemeinsames, solides Fundament für die beiden hier vorgestellten Szenarien.

Statistisch gesehen erklären die Modelle mit den Trend- und Konjunktureffekten, die einen Einfluss auf die Übergangsquoten haben, die bisherige Entwicklung gut. Offen bleibt jedoch die Frage, ob sich diese Effekte in der Zukunft fortsetzen, abschwächen oder verschwinden werden. Weil das BFS das Spektrum der möglichen Entwicklungen besser abdecken will, werden hier zwei Szenarien präsentiert, die sich in genau diesem Punkt unterscheiden.

Nach sieben Prognoseserien bewegen sich die gemessenen Abweichungen zwischen Prognosen und beobachteten Werten in der Grössenordnung von 1% bei einem Zeithorizont von einem Jahr und 4% bei einem Horizont von fünf Jahren für die Eintritte in die berufliche Grundbildung und in die gymnasialen Maturitätsschulen (siehe hier).

Schwierig bleibt es jedoch, den Einfluss von Interventionen der Bildungsakteure vorauszusehen, die zum Beispiel die Auswirkungen struktureller Änderungen oder konjunktureller Schwankungen abfedern sollen. Andererseits wird die geplante Bereitstellung neuer statistischer Instrumente für die Erhebungen zu genaueren Daten beitragen, möglicherweise aber auch zu Brüchen mit den bisherigen Zeitreihen führen. Es ist deshalb nicht auszuschliessen, dass zukünftige Beobachtungen von den Prognosen abweichen, die aufgrund der Modellierung der bisherigen Bestandsdynamiken erstellt wurden.

 

Weitere Informationen

Zuletzt aktualisiert am: 17.11.2011
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