Urs Widmer zum Jahrbuch
Heiliger Krieg gegen die Fakten
Das Bundesamt für Statistik hat die Artikelserie von Urs Widmer in einem Separatdruck herausgegeben.
Eine kleine Leseprobe
Heiraten, zeugen und sterben
Die Schweizer sind mit der ihrem Land nicht nur recht zufrieden, sie vermehren sich trotz Zeugungsschwäche auch fleissig.
"Wir sind das Volk": So formulierten es unvergesslich und mitreissend die Bewohner der DDR, als sie sich vor nunmehr elf Jahren von ihren Staatsfesseln befreiten und von denen, die sie in Zukunft behindern würden, noch nichts ahnten. Sie waren das Volk. Aber dann, unvermeidlich, mussten auch sie lernen, dass kein Volk das Volk ist, nirgendwo auf Erden. Sogar das erwählte Volk, gäbe es eins, zerfiele, wie die Ex-DDRler und wir, in Männer und Frauen, Inländer und Ausländer, Lebendgeburten, Geschiedene, nicht selbstständig Erwerbende, über Fünfundsechzigjährige, Asyl Suchende, im Konkubinat Lebende, Städter oder Frauen im reproduktionsfähigen Alter. Manchmal sind wir alles zusammen, zuweilen nichts davon. Wenn sich das Statistische Amt des Volks annimmt, ist es keins mehr, jedenfalls kein einig Volk von Brüdern und Schwestern. Es ist etwas in viele Einzelteile Zerklirrtes, die jeder selber, das Jahrbuch lesend, wieder zusammensetzen muss.
Ein Volk im besten Alter
Dennoch. Die gute Nachricht zuerst: Wir sterben nicht aus, auch wenn wir nur noch zögernd mehr werden. Wir sind zurzeit 5 793 892 Schweizerinnen und Schweizer. 4859 mehr als im Vorjahr, und dies, obwohl mehr Schweizer gestorben als geboren worden sind. Die Einbürgerungen (21'277) machen den Unterschied.
Dazu kommen natürlich die Ausländer, die ständig in der Schweiz wohnen: 1'383'645. Mit Abstand die meisten kommen aus den EU-Staaten: Italien (336'850), Portugal (136'581) oder Deutschland (98'934). Aus Österreich kommen gleich viele wie aus ganz Afrika (um die 30'000). Aus der Bundesrepublik Jugoslawien 324'981 Menschen. Auch 143 Isländer fühlen sich in unserem tropischen Klima wohl, einer oder eine so sehr, dass sie oder er sich hat einbürgern lassen. "Fagnadarkvedja", wie die Isländer so simpel sagen. Wir sagen: Willkommen! (Umgekehrt leben 69 Schweizer in Island, denen hoffentlich auch jemand "Gottwiuche" sagt. Und immerhin 17'386 Schweizerinnen und Schweizer hat es nach Afrika verschlagen.)
Um noch für einen Augenblick bei den Ausländern zu bleiben: Sie leben am liebsten in der Romandie, im Tessin und in den grossen Städten. In Unterschächen, Niederbipp und Schlans sind sie, nur zum Beispiel, nicht so gern. Den grössten Ausländeranteil haben die Kantone Genf (satte 37,6%!), Tessin (26,6%), Basel-Stadt (26,3%) und Waadt (25,9%). Auch Zürich bringt es auf 21,1%, immer noch zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der gesamten Schweiz (19,4%). - Merkwürdig ist im Übrigen, dass unsre Ausländer, statistisch gesehen, schier unsterblich scheinen. Sie sterben dreimal seltener als wir Schweizer. Das hängt natürlich damit zusammen, dass viele, alt und hoffentlich ein bisschen hablich geworden, nach Hause fahren. Ins Land der Väter und Mütter. Dann sterben sie dort. So wie Alberto Giacometti, der früh nach Paris geflohen war, im Januar 1966 in einem jähen Entschluss in der Gare de l'Est in den Zug stieg, sterbenskrank, und bis Chur kam. Dort starb er. Er hatte nach Stampa gewollt, a casa.
Aber nun zu uns. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein Volk im besten Alter: durchschnittlich 39,3 Jahre alt. Der jüngste Kanton ist, entgegen dem Klischee, just der oft etwas altväterisch wirkende Kanton Appenzell Innerrhoden (36,8 Jahre); im ältesten, in Basel-Stadt, sind die Bewohner 43,3 Jahre alt. Die Basler sind auch die bedrängtesten: 5148,8 Menschen müssen auf einem einzigen Quadratkilometer miteinander auskommen. Da haben es die Bündner besser. Bei ihnen sind es nur 26,2, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass sowohl im Nationalpark als auch auf dem Piz Palü - mindestens während der Nacht - kein Mensch anzutreffen ist.
Glückliche Witwenjahre
Im Übrigen sind wir immer noch ein Land, das versucht, der Moral der Altvordern nachzuleben. Noch werden "nur" 8,1% aller Kinder unehelich geboren - in Frankreich sind es 37,6%, und die Schwedinnen gebären 53,9% ihrer Kinder, ohne mit deren Vater verheiratet zu sein! Das hängt natürlich damit zusammen, dass sich in der Mittsommernacht alle Schwedinnen einem jeden hinter jedem Busch hemmungslos hingeben. Wir Schweizerinnen und Schweizer, wir heiraten noch, lassen uns allerdings auch in 43% aller Fälle wieder scheiden. Dabei ist das mittlere Heiratsalter der Frauen schon wieder um zwei Jahre nach oben geschnellt und liegt jetzt bereits bei 27,5 Jahren. Wenn das im gleichen Tempo weitergeht, sind die Frauen im Jahr 2020, einer durchaus erlebbaren Zukunft, in ihrer Hochzeitsnacht 67 Jahre alt. Warum nicht. Nur müssen sie bedenken, dass sie dann das Glück ihrer Ehe gerade noch neun Jahre lang geniessen können - vorausgesetzt, die Lebenserwartungen beider Geschlechter bleiben etwa die gleichen -, denn sie sterben zwar erst mit 83,2 Jahren, aber ihre Männer verabschieden sich schon mit 76,2 Jahren. Es bleiben also, unausweichlich, eine Hand voll hoffentlich glücklicher Witwenjahre. Ein Trost bleibt: Es gibt im statistischen Leben eine Treueprämie für tapferes Ausharren hienieden. (Unklar ist, wer diese verleiht: die Natur, Gott oder das Bundesamt für Statistik.) Jedenfalls lebt, wer schon einmal 65 geworden ist, nochmals glatte 16,1 (Männer) oder gar 20,6 Jahre (Frauen). Wer es schafft, das Arbeitsleben zu überstehen, den belohnt das Leben. - In der nächsten Folge werden wir viel Schönes aus unserem Erwerbsleben lernen!
WIDMER, Urs. Heiliger Krieg gegen die Fakten.
Nur deutsch, ca. 40 Seiten
Fr. 16.-
Bestellnummer: 421-0100
Verlag BFS, Bundesamt für Statistik
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